Analyse

Die Energiewende wird zur Finanzierungsfrage

Nicht die Verschuldung allein, sondern Cashflows, Liquidität und Refinanzierungsfähigkeit bestimmen die Investitionskraft. Eine Analyse der finanziellen Situation von 39 Schweizer Energieversorgern.

Ausgabe

September 2026

Datenbasis

öffentliche Geschäftsberichte 2021–2025 von 39 Energieversorgern

Zu den Kennzahlen

Auf einen Blick

Die Investitionsfähigkeit wird nicht nur durch die Verschuldung begrenzt, sondern durch unterschiedliche Finanzierungsengpässe. Die untersuchten EVU verfügen über unterschiedliche finanzielle Ausgangslagen. Während die Mehrheit grundsätzlich noch über zusätzlichen Verschuldungsspielraum verfügt, zeigen sich insbesondere bei Querverbundunternehmen zunehmend Spannungen.

  • Innenfinanzierung und Liquidität

    • Anteil der Unternehmen mit geringer Innenfinanzierung und geringer Liquidität ist seit 2021 gestiegen.
    • Angespannte Situation hauptsächlich bei (kleinen) Querverbundunternehmen.
    • Dort fehlt teilweise weniger die Ertragskraft als die Liquidität für Investitionsspitzen und verzögerte Cashflows.
  • Verschuldungsspielraum

    • Die Mehrheit der EVU weist bei der Verschuldungskapazität zusätzlichen Spielraum auf.
    • Finanzierungsdruck besonders ausgeprägt bei (kleinen) Querverbundunternehmen.
    • Eigentümervorgaben, wie eine fixe Eigenkapitalquote, können die Finanzierungsfähigkeit begrenzen.
  • Renditen und Kapitalallokation

    • Die Medianrenditen der Peergroups liegen unter den branchentypischen Kapitalkosten.
    • Niedrige Renditen können durch Aufbauphasen, kostendeckende Wasserversorgung oder Risikoprofile erklärbar sein.
    • Entscheidend ist die Unterscheidung nach dem Geschäftsmodell.

Die Energiewende erhöht den Investitions- und Finanzierungsdruck

Gemäss den Energieperspektiven 2050+ des Bundesamts für Energie belaufen sich die gesamten Investitionen in das Schweizer Energiesystem bis 2050 im Netto-Null-Szenario auf rund CHF 1’500 Mrd.1 Davon entfallen rund CHF 109 Mrd. auf Mehrinvestitionen gegenüber dem Szenario ‹Weiter wie bisher›. Gleichzeitig sind die Investitionen der von uns untersuchten EVU im vergangenen Jahr um 10 % gestiegen.

Hohe Investitionen, sinkende regulierte Ergebnisse und Ausschüttungsansprüche können den Handlungsspielraum für Investitionen einschränken. Die Finanzierung wird zu einem wichtigen Baustein der Energiewende.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Einordnung der eigenen finanziellen Ausgangslage an Bedeutung. Diese Ausgabe untersucht die finanzielle Lage von 39 Energieversorgungsunternehmen anhand der öffentlich zugänglichen Geschäftsberichte der Jahre 2021 bis 2025 und stellt sie in passende Vergleichsgruppen.

1 Bundesamt für Energie (BFE), Energieperspektiven 2050+, Szenario Netto-Null (ZERO Basis) im Vergleich zum Szenario ‹Weiter wie bisher›; kumulierte Investitionen 2020–2050.

Herausforderungen

Sinkende Erträge aus dem regulierten Geschäft treffen auf hohe Investitionen.

Sinkende regulatorische Gewinne

  • ElCom-WACC für Verteilnetze sinkt von 4,13 % (2024) auf 3,28 % (2027).
  • Der Grundversorgungsgewinn wird ab 2026 auf kalkulatorische Zinsen des Nettoumlaufvermögens begrenzt.

Kapitalbindung und spätere Cashflows

  • Fernwärme bindet Kapital, bevor die Cashflows erzielt werden.
  • Gasnetz-Stilllegung führt zu nicht amortisierbaren Kosten.
  • Investitionen in neue Technologien verändern das Risikoprofil.

Refinanzierung wird anspruchsvoller

  • Regulatorische Verzinsung sinkt, effektive Fremdkapitalkosten steigen.
  • In qualitativen Gesprächen mit CFOs mehrerer Schweizer EVU (Juli–September 2026, nicht repräsentativ) wurde eine zunehmende Abhängigkeit von einzelnen Finanzierungspartnern als Risiko genannt.

Quelle: UVEK, WACC Stromnetze Tarifjahr 2027 (Medienmitteilung vom 2. März 2026); Tarifjahre 2024–2027, Stand September 2026. Qualitative Gespräche mit CFOs mehrerer Schweizer EVU zur Refinanzierung am Kapitalmarkt, Juli–September 2026; nicht repräsentativ.

Innenfinanzierung und Liquidität

Der Anteil finanziell angespannter Querverbundunternehmen ist seit 2021 gestiegen

Reichen der operative Cashflow nach Ausschüttungen und die vorhandene Liquidität aus, um die jährlichen Investitionen zu finanzieren? Für die Einordnung gelten zwei Schwellenwerte: Der operative Cashflow nach Ausschüttungen soll die jährlichen Investitionen decken (≥1,0x), die Liquiditätsreserve mindestens einem halben Investitionsjahr entsprechen (≥0,5x). Die Grafik zeigt, welcher Anteil der Unternehmen der jeweiligen Peergroup beide Schwellenwerte nicht erreicht.

  • Die Peergroups entwickeln sich seit 2021 zunehmend unterschiedlich. 2025 unterschritt ein erheblicher Anteil der Querverbundunternehmen gleichzeitig beide Schwellenwerte. Bei den reinen Stromversorgern war dies hingegen nur vereinzelt der Fall, bei den grossen überhaupt nicht.
  • Bei Querverbundunternehmen liegt die zentrale Herausforderung in der fehlenden Liquidität.

Abbildung

Anteil der EVU mit fehlender Innenfinanzierung und tiefer Liquiditätsreserve nach Peergroup

Anteil der Unternehmen je Peergroup, die beide Schwellenwerte gleichzeitig nicht erreichen (in %). Anzahl EVU je Peergroup und Jahr im Tooltip.

Datenbasis: Geschäftsberichte 2021–2025 · n = 31–39 EVU je Jahr, 4–11 je Peergroup · Stand: September 2026 · Methodik
Quelle: Geschäftsberichte von 39 EVU je nach Datenverfügbarkeit, Geschäftsjahre 2021–2025; eigene Berechnung. Methodik und Peerzuordnung siehe Anhang.

Verschuldung

Zusätzliche Verschuldungskapazität ist vorhanden. Der Finanzierungsdruck liegt vor allem bei kleineren Querverbundunternehmen.

Setzt man die bestehende Verschuldung ins Verhältnis zur Ertragskraft und berücksichtigt gleichzeitig das geplante Investitionsniveau, lässt sich beurteilen, wie gross der verbleibende Verschuldungs- und Finanzierungsspielraum für zukünftige Investitionen ist. Eine Nettoverschuldung von mehr als 5x des EBITDA kann die Finanzierung erschweren, wobei verschiedene Faktoren dies beeinflussen.

  • Die Verschuldung schränkt die meisten EVU nicht wesentlich ein. Der Finanzierungsdruck konzentriert sich hauptsächlich auf kleine Querverbundunternehmen.
  • Tiefe Investitionen entlasten kurzfristig, können bei späterer Bündelung jedoch Verschuldung und Finanzierungskosten erhöhen.

Abbildung

Verschuldung und Bilanzkapazität

Anzahl EVU je Quadrant: Nettoverschuldung / durchschnittliches EBITDA 2023–2025 (horizontal, Schwelle 4,5x) gegen durchschnittliche Investitionen / durchschnittliches EBITDA 2023–2025 (vertikal, Schwelle 1x). Die Schwellen sind heuristische, keine regulatorischen Grenzwerte.

Ø Investitionen / Ø EBITDA (2023–2025)
≥ 2x1x

Tiefe Verschuldung
hohe Investitionsintensität

11EVU

11 von 39 · 28 %

Hohe Verschuldung
hohe Investitionsintensität

5EVU

5 von 39 · 13 %

Druck

Tiefe Verschuldung
tiefe Investitionsintensität

20EVU

20 von 39 · 51 %

Hohe Verschuldung
tiefe Investitionsintensität

3EVU

3 von 39 · 8 %

0x4,5x≥ 6x

Nettoverschuldung 2025 / Ø EBITDA (2023–2025)

Datenbasis: Geschäftsberichte 2023–2025 · n = 39 EVU · Stand: September 2026 · Methodik
Quelle: Geschäftsberichte von 39 EVU je nach Datenverfügbarkeit, Geschäftsjahre 2021–2025; eigene Berechnung. Methodik und Peerzuordnung siehe Anhang.

Rendite

Renditen unter den Kapitalkosten erfordern eine differenzierte Einordnung nach Geschäftsmodell und Ursache

Der Return on Invested Capital (ROIC) misst die operative Rendite auf das eingesetzte Kapital, unabhängig davon, ob dieses durch Eigen- oder Fremdkapital finanziert ist. Der Vergleich mit den branchentypischen Kapitalkosten zeigt, ob das Kapital risikoadäquat verzinst wird

  • Die Medianrenditen aller Peergroups liegen unter den branchentypischen Kapitalkosten.
  • Niedrige ROIC-Werte bei Querverbundunternehmen können durch Aufbauphasen, kostendeckende Wasserversorgung oder unterschiedliche Risikoprofile bedingt sein.
  • Die Einordnung muss nach Geschäftsmodell erfolgen. Ein niedriger ROIC ist nicht zwangsläufig ein Zeichen für Wertvernichtung. Entscheidend ist, ob die Renditeanforderung gewollt oder ungewollt nachhaltig unterschritten wird.

Abbildung

Kapitalrendite (ROIC) 2025 je Peergroup, Median

Zum Vergleich: Die durchschnittliche Renditeanforderung (Kapitalkosten) von EVU liegt in einem Korridor von rund 5–7 %, je nach Segment und Risikoprofil. Der regulatorische WACC für Stromnetze (3,28 % für 2027) ist davon zu unterscheiden: Er bestimmt die zulässige Verzinsung im Netz, nicht die Renditeanforderung der Eigentümer. Der Korridor ist eine hypothetische Annahme.

Datenbasis: Geschäftsbericht 2025 · n = 39 EVU je nach Datenverfügbarkeit · Stand: September 2026 · Methodik
Quelle: Geschäftsberichte von 39 EVU je nach Datenverfügbarkeit, Geschäftsjahre 2021–2025; eigene Berechnung. Methodik und Peerzuordnung siehe Anhang.

Fazit

Die Sicherstellung der Investitionsfähigkeit erfordert eine integrierte Steuerung

Nicht das Investitionsvolumen allein entscheidet über die Finanzierbarkeit, sondern das Zusammenspiel von Innenfinanzierung, Liquidität, Refinanzierung, Verschuldungskapazität und risikoadjustierter Kapitalrendite.

  1. 01Innenfinanzierung

    Decken die operativen Cashflows nach Ausschüttungen die geplanten Investitionen?

    Empfehlung

    Investitionsprogramm und Ausschüttungspolitik auf Cashflow und Refinanzierung abstimmen.

  2. 02Liquidität

    Reicht die Liquidität bei Verzögerungen und Mehrkosten?

    Empfehlung

    Mindestliquidität, zugesagte Kreditlinien und Stressszenarien festlegen.

  3. 03Refinanzierung

    Sind Fälligkeiten, Covenants und Kosten der nächsten fünf Jahre abgesichert?

    Empfehlung

    Finanzierungsbedarf früh erkennen und Rückzahlungen über die Zeit verteilen.

  4. 04Verschuldungskapazität

    Können die Investitionen getragen werden, oder werden Schwellenwerte verletzt?

    Empfehlung

    Spielraum messen und Investitionen danach priorisieren.

  5. 05Kapitalrendite

    Erreichen die Segmente und Projekte ihre risikoadjustierte Rendite?

    Empfehlung

    Spezifische Kapitalrenditen pro Segment festlegen (WACC) und tiefe Werte ursachenbezogen beurteilen.

Anhang

Peergroups, Definitionen und Disclaimer

Übersicht über die Peergroups
  • Stromversorger (Gross) — Stromversorger mit Umsatz > 50 MCHF

    AEW Energie AG · Centralschweizerische Kraftwerke AG (CKW) · EKT AG · Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) · Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz) · EnergieUri AG · EW Obwalden · Genossenschaft Elektra Baselland (EBL) · Groupe E SA · Primeo Energie Genossenschaft · St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK)

  • Stromversorger (Klein) — Stromversorger mit Umsatz < 50 MCHF

    EnBAG AG · EW Sirnach AG · EWK Herzogenbuchsee · EWS Energie AG · Gemeindewerke Erstfeld · Infrastruktur Zürichsee AG

  • Querverbund (Produktion) — Mehrspartenversorger mit eigener Stromproduktion, Umsatz ≥ 150 MCHF

    Energie Service Biel/Bienne · Eniwa AG · Industrielle Werke Basel (IWB) · Oiken SA · SH POWER

  • Querverbund (Gross) — Mehrspartenversorger mit Umsatz ≥ 150 MCHF

    Energie Wasser Bern (ewb) · ewl energie wasser luzern ag · Regio Energie Solothurn · Services Industriels de Genève (SIG) · St.Galler Stadtwerke · WWZ AG

  • Querverbund (Klein) — Mehrspartenversorger mit Umsatz < 150 MCHF

    ebs Energie AG · EW Höfe AG · Glattwerk AG · IBB Energie AG · IBC Energie Wasser Chur · Localnet AG · Regionalwerke AG Baden · Städtische Werke Grenchen AG (SWG) · Stadtwerk Gossau · StWZ Energie AG · SWL Energie AG

Definition und Abgrenzung
  • Investitionsdeckung nach Ausschüttung

    Definition: (Operativer Cashflow – Ausschüttung) / Investitionen 2025

    Lesart: > 1x aus eigener Kraft gedeckt; 0.7–1.0x knapp; < 0.7x strukturell fremdfinanziert

    Abgrenzung: EVU ohne Investitions-, Cashflow- oder Liquiditätsangabe ausgeschlossen

  • Liquiditätsreserve in Investitionsjahren

    Definition: Flüssige Mittel / durchschnittliche Investitionen 2023–2025

    Lesart: 1.0x = ein vollständiges Investitionsjahr vorfinanziert

    Abgrenzung: keine Trennung restricted/unrestricted Cash; ungenutzte Kreditlinien nicht enthalten

  • Dynamischer Verschuldungsgrad

    Definition: Nettofinanzverschuldung / EBITDA

    Lesart: < 3.0x solide; 3.0–4.5x branchenüblich; > 4.5x Refinanzierungsrisiko

    Abgrenzung: negatives EBITDA ausgeschlossen

  • Investitionsintensität

    Definition: durchschnittliche Investitionen 2023–2025 / durchschnittliches EBITDA 2023–2025

    Lesart: 1.0x = Investitionen beanspruchen das gesamte EBITDA

    Abgrenzung: negatives EBITDA ausgeschlossen

  • Return on Invested Capital (ROIC)

    Definition: NOPAT / investiertes Kapital: EBIT × (1 – eff. Steuersatz, Fallback 18 %) / (Eigenkapital + Nettoverschuldung)

    Lesart: Massstab sind die spezifischen Kapitalkosten (WACC)

    Abgrenzung: Kapital/Umsatz ausserhalb der Bandbreite 0.8–4.0x ausgeschlossen

39 Schweizer EVU, Geschäftsjahre 2021–2025; ausschliesslich öffentlich publizierte Geschäftsberichte. Je Kennzahl werden nur EVU mit einem aus den Geschäftsberichten ableitbaren Wert berücksichtigt.

Für die Berechnung des ROIC und der Eigenkapitalquote werden statistische Ausreisser mit investiertem Kapital / Umsatz ausserhalb von 0,8x–4,0x ausgeschlossen. Dieser Filter begrenzt extreme Beobachtungen und ist kein Nachweis stiller Reserven.

Disclaimer

Diese Erhebung ist rein informativer Natur und soll nicht als Basis für Investitionsentscheidungen irgendwelcher Art dienen. Valluga Corporate Finance AG übernimmt keine Verantwortung für die ermittelten Resultate und die daraus gezogenen Folgerungen. Obwohl die in diesem Dokument enthaltenen Informationen aus sorgfältig ausgewählten Quellen stammen, übernehmen wir keine Verantwortung hinsichtlich der Genauigkeit, Richtigkeit oder Vollständigkeit dieser Quellen.

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